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Chronographen

« Was moderne Uhrwerke leisten »

Immer mehr Uhren überzeugen mit Zusatzfunktionen oder Komplikationen, wie diese bei mechanischen Uhren genannt werden. Das beste Beispiel dafür: der Chronograph, ein Zeitmesser, der parallel als Stoppuhr fungiert. Wir führen Sie durch den Kosmos namens Chronograph, lüften das Geheimnis seines optischen Reizes. Zudem erfahren Sie, dass sich moderne Modelle mit der einen Komplikation allein häufig nicht mehr zufrieden geben…

Der Chronograph – eine Uhr mit sportlichen Ambitionen

Analoge Chronographen sind normale Armbanduhren mit dem gewissen Etwas: Auf dem Hauptzifferblatt befinden sich zwei bis drei kleinere Zifferblätter, die man als Totalisatoren bezeichnet. Betätigt der Uhrenträger den Drücker, der über der Krone installiert ist, beginnen die Zeiger der Zifferblätter zu tanzen. Sie stoppen die Zeit. Eines der Mini-Zifferblätter kümmert sich um die Minuten, das andere widmet sich den Stunden. Die verstrichenen Sekunden werden meist vom Hauptzifferblatt gemessen. Um die Messung für einen Moment anzuhalten, muss man wiederum den oberen Drücker bedienen. Und wird dieser daraufhin noch einmal benutzt, setzt er das Messen fort. Ist die Zeitnahme abgeschlossen, ist der oft unter der Krone befestigte Drücker für die Nullstellung das zu betätigende Teilchen.

Ein Chronograph zeichnet sich demnach durch die das Hauptzifferblatt ergänzenden Totalisatoren und die Drücker (Start-Stopp sowie Nullstellung), die die Krone flankieren, aus. Diese Zusätze, die den Chronograph von herkömmlichen Armbanduhren unterscheiden, verleihen ihm seine Stoppuhrfunktion. So kann man die Zeit beispielsweise bei sportlichen Aktivitäten oder alltäglichen Notwendigkeiten wie dem Kochen per einfachem Knopfdruck praktisch kontrollieren. Neben dem funktionalen Aspekt prägen die Totalisatoren und Drücker auch das Erscheinungsbild des Chronographen, das durch die zusätzlichen Hilfszifferblätter meist modern und sportlich wirkt. Was übrigens nicht heißt, dass sich der Chronograph nicht auch mit eleganteren Stylings wunderbar kombinieren ließe – ganz im Gegenteil.

Ist Chronograph gleich Chronometer?

Junkers Iron Annie JU52 Chronometer Glashütte 6658-1Zur spezifischen Definition des Chronographen gilt es, ihn vom Chronometer zu differenzieren. Der ähnliche Klang der beiden Begriffe täuscht – Chronograph und Chronometer haben nichts gemein, außer, dass ein Chronograph gleichzeitig auch ein Chronometer sein kann (aber nicht muss) und umgekehrt. Ein Chronometer ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Qualitätssiegel. Uhren – und damit auch Chronographen – dürfen sich nur dann Chronometer nennen, wenn sie erwiesenermaßen besonders ganggenau laufen. Zur Präzisionsprüfung sind bestimmte Observatorien oder Gangkontrollstellen (etwa das Schweizer COSC – Contrôle officiel suisse des chronomètres) berechtigt. Besteht eine Uhr diesen Test, versieht der Hersteller sie häufig auch mit dem Schriftzug „Chronometer“, um ihre Qualität hervorzuheben.

Es bedarf einer technischen Meisterleistung, um eine Uhr durch ihre Herstellung zu einem Chronometer zu erheben. Auch für die Entwicklung des Chronographen, wie wir ihn heute kennen, benötigten die Uhrmacher und Konstrukteure mehrere Jahrhunderte und viele kleine Meilensteine.

Louis Moinet's Compteur de Tierces
@wikipedia – LouisMoinet

Die Geschichte des Chronographen

In Zeiten weit vor dem Quarzwerk und digitalen Uhren entwarf der Genfer Uhrmacher Jean Moïse Pouzait 1776 eine Uhr, deren Sekundenzeiger von einem eigenen Federhaus angetrieben wurde und anhaltbar war. Allerdings konnte man den Zeiger nicht auf Null zurückstellen. Zudem blieb bei einem Stopp das gesamte Uhrwerk gleich mit stehen.

Chronograph Nicolas Rieussec
@wikipedia – Leaves Fall

Der erste Fortschritt diesbezüglich gelang Louis Moinet im Jahr 1816. Seine Uhr, die bereits Vorläufer der modernen Totalisatoren aufwies, ließ sich mittels zweier Drucktasten anhalten und zurückstellen. Als Erfinder des ersten Chronographen gilt jedoch Nicolas Rieussec. Sein 1821 entwickeltes Werk, bei dem sich zwei Zifferblätter um einen festen Zeiger drehten, der parallel als Schreiber wirkte und die Sekunden und Minuten mit unterschiedlich großen Strichen aufzeichnete, meldete Rieussec ein Jahr später zum Patent an. Davon diese Technik in einer Taschenuhr oder Armbanduhr anzuwenden, war man aber noch weit entfernt.

Rattrapante und das Nullstellherz

1831 konstruierte Joseph Thaddäus Winnerl seinserseits eine Uhr mit separat anhaltbarem Sekundenzeiger. Der Österreicher war es auch, der ein Modell mit zwei übereinanderliegenden Sekundenzeigern erfand, die nacheinander gestoppt werden konnten, sodass man die Zeitspanne mittels Differenz zu errechnen vermochte. Die moderne Weiterentwicklung dieses Doppelzeigermechanismus, der auch bei modernen Chronographen hin und wieder anzutreffen ist, heißt Rattrapante beziehungsweise Schleppzeiger.

Das „Nullstellherz“ erblickte im Jahr 1844 das Licht der Welt. Henri Féréol Piguet war der Erfinder der auf der Welle des Sekundenrads zusammen mit dem Zeiger befestigten herzförmigen Scheibe, die es gestattete, den Zeiger per Knopfdruck auf Null zurückzustellen. Das Patent für diesen Geniestreich meldete Piguets Chef, Adolphe Nicole, 1862 an. Im selben Jahr wurde die erste chronographentaugliche Taschenuhr der Weltöffentlichkeit präsentiert.

1868 kreierte Auguste Baud die uhrwerksseitige Anordnung des bekannten Mechanismus. Diese Neuerung erleichterte die Wartung, Justierung und Reparatur des Schaltwerks, das bei der Idee von Piguet noch direkt unterhalb des Zifferblatts eingearbeitet war, was im Fall der Fälle eine komplette – und enorm umständliche – Demontage des Zifferblatts einschließlich Zeigern erforderte. Anfang des 20. Jahrhunderts sollte eine zunehmende Verkleinerung des Mechanismus‘ die Chronographen-Tauglichkeit für Armbanduhren vorantreiben.

Das 20. Jahrhundert

Die nächste bedeutende Innovation folgte in den 1930ern: Bis dahin wurden Start, Stopp und Nullstellung über einen einzigen Drücker geregelt – und waren damit natürlich zwangsläufig auch in dieser Reihenfolge geschalten. Breitling gelang es als erstem Uhrenunternehmen, zwei separate Drücker zu installieren – einer diente dem Starten und Stoppen, der andere der Nullstellung. Das System, wie wir es heute kennen, war geboren.

In den Folgejahrzehnten konnte die Stoppdauer schrittweise erhöht werden. Zudem wurde im Jahr 1937 vom Schweizer Rohwerke- und Komplikationenhersteller Dubois Dépraz ein alternativer Mechanismus zum aufwändigeren Schalt- beziehungsweise Säulenrad, das bisher zur Steuerung zum Einsatz kam, eingeführt: Die sogenannte Nocken- oder Kulissenschaltung, deren Komponenten einfach gestanzt werden, ist in der Fertigung wesentlich kostengünstiger. Heute finden sich sowohl Chronographen mit Schaltrad als auch kulissengesteuerte Modelle.

Engelhardt Herren Chronograph 387527029002

Weitere Herausforderungen bestanden in der Entwicklung des Automatik-Chronographen und später in der Kreation hochwertiger Stoppuhren mit elektrischem Quarzuhrwerk. Letzteres dominierte bekanntlich in den 1970ern bis in die 1980er-Jahre hinein, da es preiswerter war und dennoch ganggenauer funktionierte. Inzwischen existieren Automatik- und Quarz-Chronographen nebeneinander.

Doch das Tüfteln nahm und nimmt auch damit kein Ende…

Vom GPS bis zum Ewigen Kalender

Wie wir eingangs bereits andeuteten, reicht vielen Uhrenbesitzern die beliebte Zusatzfunktion des Chronographen heute nicht mehr aus. Zusätzlich werden immer fortschrittlichere Funktionen eingearbeitet. In diesem Zusammenhang ragt die GPS-kontrollierte Zeit- und Zeitzoneneinstellung heraus. Sie beendet die mühevolle Suche nach der genauen Uhrzeit – unabhängig davon, an welchem Ort der Welt man sich gerade aufhält. Ein Chronograph mit integriertem GPS-Empfänger leitet aus den vom globalen GPS-Netzwerk „aufgeschnappten“ Signalen die Zeitzone, die Zeit, den Wochentag und das Datum ab.

Auch der Ewige Kalender vieler Chronographen sorgt dafür, dass das Datum genauso exakt angezeigt wird wie die Zeit selbst. Er stellt eine höchst anspruchsvolle Komplikation bei mechanischen Uhren dar – schließlich müssen sämtliche Unregelmäßigkeiten unseres Kalenders (unterschiedliche Monatslängen, Schaltjahre) im Ewigen Kalender Berücksichtigung finden. Diese Meisterleistung nur mithilfe von Zahnrädern, Spiralen und Federn zu vollbringen gelingt bis heute nur den wenigsten, nur den talentiertesten Uhrmachern. Aus diesem nachvollziehbaren Grund zählt der Ewige Kalender zu den so titulierten „Großen Komplikationen“, zur Königsklasse der Uhrmacherkunst.

Kronsegler KS728ro-swz Poseidon Admiral Diamant Chronograph

Eine Wasserdichtigkeit von fünf bis zehn ATM und die Einbettung einer Tachymeterskala gehören bei modernen Zeitmessern schon beinahe zum Standard, so etwa bei den Sportlichkeit mit Eleganz verbindenden Modellen von Kronsegler oder den stylischen Ausführungen aus dem Schweizer Hause Metal.CH.

Junkers 6086-5 Bauhaus Herren ChronographEin interner Exkurs: der Fliegerchronograph im Kurzporträt

Innerhalb der Bandbreite hochwertiger Stoppuhren bilden die Fliegerchronographen eine besondere Gruppe. Sie wurden einst für die Bedürfnisse der Piloten konzipiert und wiesen dementsprechend ein hervorragend lesbares Zifferblatt mit einer klaren, schnörkellosen und präzisen Linienführung auf. Weiterhin waren die Fliegeruhren sehr robust gebaut, um Stößen, Vibrationen oder auch Unterdruck problemlos standhalten zu können. Sie fanden unter anderem im Zweiten Weltkrieg, bei den bemannten Raumfahrten der USA und der deutschen Bundesluftwaffe Anwendung. Zeppelin 7680-1 100 Jahre Zeppelin Alarm Chronograph FliegeruhrAuch moderne Fliegerchronographen, etwa jene von Junkers oder Zeppelin, erinnern in Bezug auf Konzeption und Design an die Cockpitinstrumente von damals.

Der Chronograph ist nicht zu stoppen

In Anbetracht der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Chronographen scheint ein Ende seines Siegeszugs nicht in Sicht. Der als Stoppuhr charakterisierte Zeitmesser ist Sportler durch und durch – optisch meist sowieso – kann aber auch zunehmend eleganter und femininer.