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Ganggenauigkeit mechanischer Uhrwerke

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Automatikuhren genießen einen exzellenten Ruf unter Uhrenliebhabern. Doch wie steht es eigentlich um die Ganggenauigkeit der mechanischen Zeitanzeiger? Wie exakt laufen sie? Und gibt es Umstände, die das Präzisionsverhalten beeinflussen? Diesen und anderen Fragen widmen wir uns im Folgenden ausführlich.

Die Ganggenauigkeit

Ausnahmsweise fallen wir gleich mit der Tür ins Haus, um Sie nicht unnötig auf die Folter zu spannen: Im Vergleich zu Quarz- oder Funkuhren sind Automatikmodelle tendenziell ungenau. Dass es sich bei dieser Aussage um Kritik auf sehr hohem Niveau handelt, zeigen die nackten Zahlen. In der Regel beträgt die Gangabweichung pro Tag höchstens plus oder minus 30 Sekunden. Hat man es mit modernen und qualitativ hochwertigen Ausführungen zu tun, liegt die durchschnittliche Abweichung sogar unter zehn Sekunden.

Exemplarisch seien in diesem Zusammenhang die erstklassigen ETA-Kaliber erwähnt, die in einigen Automatikuhren verbaut sind.

Um noch einmal kurz auf Quarz- und Funkuhren zurückzukommen: Die Ungenauigkeit dieser Zeitanzeiger bewegt sich gemeinhin im Zehntelsekundenbereich.

Über das Zustandekommen von Gangabweichungen

Die Zeitspanne, die eine Uhr der Norm – also der von der Atomuhr angezeigten Zeit – voraus oder hinterher ist, bezeichnet man als Uhrenfehler oder Gangabweichung. Wodurch aber kommen solche Verschiebungen zustande? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir ein klein wenig ausholen: Um die Zeit genau messen zu können, ist etwas erforderlich, das möglichst konstant schwingt. Im Falle von Quarz- und Funkuhren wird diese Aufgabe von einem Quarzoszillator übernommen. Quarz ist dafür bekannt, sehr schnell und konstant zu schwingen. Aus diesem Grund sind Uhren mit Quarzwerk ausgesprochen ganggenau.

Uhrwerk
© dmdartworx / Fotolia.com

In einer Automatikuhr findet sich statt des Quarzoszillators die Unruh, die ebenfalls bestrebt ist, eine konstante Schwingung zu erzeugen. Allerdings tut sie sich damit wesentlich schwerer. Die Ursache dafür: Als mechanisches Schwungrad, das vom integrierten Rotor mit der Energie versorgt wird, die der Träger der Uhr durch seine Bewegungen auslöst, ist die Unruh ständig wechselnden Umgebungsbedingungen ausgesetzt, die sich auf diverse Äußerlichkeiten wie etwa die Temperatur, den Luftdruck und die Luftfeuchtigkeit beziehen. Mal sitzt der Besitzer mit seiner automatischen Uhr am Handgelenk ruhig am Tisch und schreibt oder liest, mal sprintet er in höchstem Tempo zur Straßenbahn; mal herrschen heiße 35, mal eiskalte minus zehn Grad Celsius.

Anhand dieser Beispiele kann man sich gut vorstellen, dass ein feines mechanisches Element wie die Unruh einer Automatikuhr auf verschiedene Einflüsse unterschiedlich reagiert.

Auch die Reibung der Zahnräder etc. wirkt auf die Schwungbewegung des Herzstückes der Uhr ein. Wenngleich dieser Problematik durch die Lagerung des Uhrwerkes mit Rubinen oder anderen Edelsteinen weitgehend erfolgreich gegengesteuert wird, gehört sie dennoch zu den Faktoren, die gewisse Ungenauigkeiten hervorrufen. Kurzum: Eine Automatikuhr kann noch so gut verarbeitet sein – durch die Sensibilität der mechanischen Unruh kommt sie dennoch nicht ganz an die Ganggenauigkeit einer Quarzuhr heran.

Zertifizierte Ganggenauigkeit durch die COSC

Wer Wert auf eine besonders ganggenaue Automatikuhr legt, erwirbt am besten einen zertifizierten Chronometer. Die Bezeichnung ist ausschließlich für Uhren zulässig, die das COSC-Zertifikat tragen. COSC fungiert als Abkürzung für die Schweizer Kontrollstelle namens Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres. Automatikuhren mit Werken, deren Durchmesser über 20 Millimeter beträgt, dürfen maximal minus vier bis plus sechs Sekunden Gangabweichung pro Tag aufweisen, um mit dem Chronometer-Titel auf sich aufmerksam machen zu können. Bei unter 20 Millimeter großen Kalibern erweitert sich die Toleranz auf minus fünf bis plus acht Sekunden.

Junkers Iron Annie JU52 Chronometer Glashütte 6658-1

In diesem Sinne versteht sich die Ganggenauigkeit durchaus als Qualitätsmerkmal – für all jene, die der zeitanzeigenden Funktion der Automatikuhr eine außerordentliche Bedeutung beimessen. Ansonsten gelten Abweichungen bis plus oder minus 30 Sekunden pro Tag als normal. Zum Vergleich: Bei Quarzuhren liegt die mittlere Differenz von der Atomuhrzeit ebenfalls bei plus oder minus 30 Sekunden – allerdings pro Monat. Und: So lange Funkkontakt besteht, verblüffen Funkuhren durch eine beinahe vollkommene Ganggenauigkeit: Die Abweichung von der Norm beträgt circa eine Sekunde in sage und schreibe 30 Millionen Jahren.

Begriffsklärung – mechanische Uhren und die Gangreserve

Die Gangreserve ist eine Eigenheit mechanischer Uhren. Sie definiert die bis zum „Erschlaffen“ der Feder verbleibende Zeit. Zur Erinnerung: Die Feder ist jener Bestandteil der mechanischen Uhrenmechanik, dessen Aufzug – ob per Hand oder durch die kinetische Energie der Armbewegungen des Trägers – die Faszination Zeitanzeige am Handgelenk überhaupt erst ermöglicht.

Vostok Europe GAZ14 Limousine Automatikuhr 2426-5601058Mechanische Uhren mit Handaufzug müssen nach Ablauf der Gangreserve mittels Kronenrädchen von neuem aktiviert werden, um das Uhrwerk wieder in Spannung zu versetzen. Bei Automatiken hat das Merkmal der Gangreserve im Grunde genommen dieselbe Funktion, wird aber anders gehandhabt: Sie sorgt dafür, dass die Uhr auch in Ruhestellung für eine bestimmte Zeit weiterlaufen kann, ohne direkte Bewegungsanstöße zugeführt zu bekommen. So arbeitet Ihre Automatikuhr für eine begrenzte Stundenzahl weiter, auch wenn Sie das Schmuckstück über Nacht ablegen oder gar für ein paar Tage unberührt lassen.

Je nach Ausführung beträgt die Gangreserve zwischen 35 und 60 Stunden.

Special Feature: Gangreserveanzeige

Während die meisten Ausführungen durch das im Lieferumfang enthaltene Produktblatt über ihre Gangreserve informieren und der jeweilige Besitzer selbst abschätzen muss, wie lange seine Uhr noch „durchhält“, ehe sie wieder in Gang gebracht werden muss, findet sich in einzelnen Mechanikuhren eine Gangreserveanzeige, die den Stand der Dinge unmittelbar auf dem Zifferblatt anzeigt – zweifelsohne eine praktische Komplikation, die eine gehörige Portion Komfort mit sich bringt.

Zeppelin 7060-4 LZ129 Hindenburg Automatik Fliegeruhr Gangreserveanzeige Junkers 6060-5 Bauhaus Automatikuhr Gangreserveanzeige

Jedoch ist die für die Messung und Darbietung der Gangreserve notwendige Technik äußerst komplex und aufwändig, weshalb entsprechende Uhren auch recht teuer sind.

Ganggenauigkeit zu Hause messen – so geht’s!

Möchten Sie nach allem, was Sie nun zum Thema Ganggenauigkeit bei mechanischen Uhren mit Automatikwerk gelesen haben, zu Hause testen, wie präzise Ihre Ausführung läuft, stehen Ihnen im Wesentlichen zwei Möglichkeiten zur Verfügung.

Entweder Sie orientieren sich an der korrekten Zeit der Atomuhr und vergleichen die Werte Ihres Modells mit derselben oder Sie besorgen sich eine sogenannte Zeitwaage.

Automatikuhr nach der Atomuhr stellen

Stellen Sie Ihre Automatik nach der korrekten Zeit der Atomuhr. Letztere ist online unter www.atomuhr.de abrufbar. 24 Stunden später prüfen Sie, ob die Anzeige auf Ihrer Uhr mit der aktuellen Uhrzeit der Atomuhr übereinstimmt, beziehungsweise wie stark sie von der Norm abweicht. Natürlich können Sie das Experiment auch verlängern und erst nach zwei Wochen, einem Monat oder halben Jahr analysieren, wie es um die Ganggenauigkeit Ihrer Automatikuhr bestellt ist.

Die Funktionsweise einer Zeitwaage

Alternativ zu dem simplen Test können Sie sich auch eine Zeitwaage kaufen. Das elektronische Gerät dient dazu, etwaige Unregelmäßigkeiten im Gang des Uhrwerkes festzustellen. Dabei nimmt es die Schläge des Kalibers mit einem Körperschallmikrofon auf oder erkennt sie anhand der Vibration. Es folgt der Vergleich mit einer bekannten Frequenz – gemeinhin fungiert eine Quarzzeitbasis als Referenz.

Zeitwaage
@wikipedia – Les Zetlein

Das Ergebnis wird schriftlich festgehalten, und zwar entweder auf einem fortlaufenden Papierstreifen (ältere Zeitwaagen) oder einem elektronischen Display (moderne Exemplare). So lassen sich Gang- und Lagefehler schnell und einfach ausfindig machen.

Auch Uhrmacher und Juweliere nutzen Zeitwaagen als nützliche Messgeräte zur Gangabweichung.

Präzision und Ganggenauigkeit

Halten wir fest: Im Alltag sind maximale Abweichungen von plus oder minus 30 Sekunden ohne weiteres zu verschmerzen und nicht unpräzise. Uhrenverehrer, die ein Faible für besonders präzise Uhren haben, sollten im Falle mechanischer Modelle auf ein COSC-zertifiziertes Automatikmodell zurückgreifen. Wer ein paar Sekunden pro Tag hingegen verschmerzen kann, hat die volle Auswahl. Die Präzision von Quarzuhren oder Funkuhren erreichen Mechanikuhren nicht, da sie fast ohne Gangabweichung auskommen.