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The Radium Girls

« Ein „dunkles“ Kapitel Uhrengeschichte »

Die Spezialfarbe „Undark“, die Uhren aus der Zeit um 1920 mithilfe von Radium zum Leuchten bringen sollte, führte viele Arbeiterinnen aus den Vereinigten Staaten von Amerika in die ewige Dunkelheit. Die sogenannten Radium Girls sind ein trauriges Kapitel Uhrengeschichte, das bis heute unvergessen ist. Ein Beitrag über den bitteren Beigeschmack strahlender Beleuchtung und die beruhigende Ungefährlichkeit moderner Leuchtsysteme für Uhren.

Wenn der Traumjob zum Todesurteil wird

Für zahlreiche junge Frauen war es damals ein echter Traumjob, in namhaften Uhrenfabriken der US-Bundesstaaten Connecticut und Illinois Leuchtzeiger und -indizes auf Zifferblättern zu bemalen. Die Tätigkeit galt als anspruchsvoll, modern und kreativ, zudem war sie relativ gut bezahlt. Doch die Freude hielt nicht lange an. Nach und nach klagten die Arbeiterinnen über gesundheitliche Probleme, die mehr als 100 Frauen letzten Endes das Leben kosteten.

„Undark“ als Wegweiser in die Finsternis

Die fluoreszierende Leuchtfarbe mit der angesichts ihrer fatalen Folgen makaber anmutenden Bezeichnung „Undark“ setzte sich aus Kleber, Wasser, Zinksulfid und Radium zusammen. Sie geht auf eine Erfindung des einstigen Elektroingenieurs William J. Hammer zurück. Dieser experimentierte Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer Radiumprobe, die er von Marie Curie erhalten hatte. In dem Wissen, dass sich Zinksulfid durch radioaktive Strahlung zum Leuchten bringen lässt, kreierte Hammer eine Zinksulfid-Radium-Mischung. Es entstand ein außergewöhnlicher, bei Nacht glühender Farbstoff.

Mehr noch: Zweifelhafte Selbstversuche Hammers (er verkündete, ein Geschwür an seiner linken Hand erfolgreich mit dem radioaktiven Stoff behandelt zu haben) brachten das Element sogar als angeblich wirksames Mittel für die Krebstherapie ins Gespräch.

Anderen Wissenschaftlern der Zeit waren die von dem Stoff ausgehenden Gefährdungen hingegen wohlbekannt. Allerdings erreichten die Erkenntnisse die Weltöffentlichkeit nie stark genug, um die Radium Girls vor ihrem tragischen Schicksal zu bewahren. Im Gegenteil: sie wurden bewusst heruntergespielt. So schlitterten die Arbeiterinnen ins Verderben – ahnungslos, unbeschützt, ausgeliefert.

Über die Tätigkeit der Radium Girls

Dass im Zusammenhang mit dem Leuchtuhrenskandal von Radium Girls und nicht Boys die Rede ist, liegt daran, dass fast ausschließlich Frauen zum Bemalen der Zifferblätter engagiert wurden – ihrer grazilen Hände und ausgeprägten Geschicklichkeit wegen. In den frühen 1920er-Jahren erhielten Tausende die Chance, sich in den Fabriken zu beweisen – als Folge der großen Nachfrage nach günstigen Uhren mit Leuchtindizes und -zeigern. In hellen, großen Fabriksälen gingen die Arbeiterinnen ihrer Tätigkeit nach. Mit einem schmalen Kamelhaarpinsel trugen sie „Undark“ auf die Zifferblätter auf. Um feine Farbstriche malen zu können, „spitzten“ die Frauen ihren Pinsel mit den Lippen. Dies wurde ihnen von den Vorarbeitern als hilfreicher Trick empfohlen, der ganz und gar nicht gefährlich sei. Für ein Zifferblatt musste das Werkzeug fünf bis sechs Mal zugespitzt werden.

Nachts leuchteten nicht nur die Zifferblätter, sondern auch die Lippen der Arbeiterinnen. In der Annahme, sich keinerlei Schaden zuzufügen, malten sich die Frauen in den Pausen zusätzlich ihre Zähne, Finger- und Zehennägel sowie andere Körperstellen an, um ihre Freunde und Partner zu überraschen. Sie fanden es lustig, hatten Spaß und keine Angst.

Erschreckend, wenn man weiß, dass sich die Vorgesetzten der Radium Girls bei der Arbeit im Labor durchaus mit Bleiwesten und Gesichtsmasken schützten.

Katastrophale gesundheitliche Auswirkungen

Francis Splettstocher, eines der Radium Girls, begann 1921 als 17-Jährige in einer der Uhrenmanufakturen Connecticuts zu arbeiten. Vier Jahre später erkrankte sie an Anämie (Blutarmut durch Eisenmangel). Splettstocher fühlte sich immer schwächer, ihre linke Gesichtshälfte wurde zunehmend berührungsempfindlicher und Hals und Rachen schmerzten mehr und mehr. Später kamen Zahn- und Kieferschmerzen hinzu. In der Folge suchte Splettstocher einen Zahnarzt auf. Doch die Behandlung verschlimmerte den Zustand der Frau: Beim Versuch, ihr einen kaputten Zahn zu ziehen, brach ein Teil des Kieferknochens weg. In der linken Wange bildete sich ein Loch, das Gewebe begann sich aufzulösen. Nach vier qualvollen Wochen starb Francis Splettstocher. Sie war 21 Jahre alt.

Vielen Arbeiterinnen erging es ähnlich wie Splettstocher. Sie erkrankten an Anämie, Knochenbrüchen im ganzen Körper und Nekrose des Kiefers („Radiumkiefer“). Es wird vermutet, dass die Röntgengeräte der Ärzte, die zur Untersuchung eingesetzt wurden, den Zustand der Frauen weiter verschlechterten. Die Arbeit als Zifferblattmalerin endete für mindestens 105 Frauen tödlich. Diese Fälle sind nachgewiesen. Vermutlich waren es aber noch weit mehr.

Die unglaubliche Dreistigkeit der Firmen

Abgesehen davon, dass die Firmenverantwortlichen ihren Zifferblattarbeiterinnen stets versicherten, sie hätten nichts zu befürchten und bräuchten auch keine Arbeitsschutzmaßnahmen zu treffen, besaßen sie die Unverschämtheit, die Ursache für die Erkrankungen und Todesfälle zu vertuschen und zu leugnen.

Zu diesem Zweck wurden sogar Ärzte bestochen.

Als sich fünf der betroffenen Frauen gegen Ende der 1920er-Jahre entschlossen, ihre Firma zu verklagen, behaupteten die Anwälte der Gegenpartei allen Ernstes, die Arbeiterinnen litten an psychischen Problemen, seien hysterisch, willensschwach und unfähig, der Realität ins Auge zu blicken: Radium rege wegen seiner mysteriös erscheinenden Charakteristika die Fantasie an und genau darum gehe es in diesem Fall – so lauteten die dreisten Aussagen. Der Prozess, der als Präzedenzfall für Arbeitnehmer fungiert, die durch ihre Tätigkeit erkranken und ihren Arbeitgeber verklagen, brachte jedem der fünf Radium Girls 10.000 Dollar und eine lebenslange Jahresrente von 600 Dollar. Absurd: 1935, nur wenige Jahre nach den Verhandlungen, waren alle Klägerinnen tot.

Höchste Zeit für große Veränderungen

Kurz nach dem Prozess wurden die Sicherheitsstandards in der Industrie deutlich verbessert. Fortan erhielten die Zifferblattmalerinnen die Anweisung, das Spitzen der Pinsel mit den Lippen zu unterlassen. Sie trugen Gummihandschuhe und banden die Haare in Netzen zusammen. Darüber hinaus wurden Luftreinigungsanlagen installiert und erkrankte Arbeiterinnen medizinisch und finanziell unterstützt.

Moderne Leuchtsysteme ohne Gefahr für die Gesundheit

Es war nicht zuletzt das Schicksal der Radium Girls, das Uhrenunternehmen motivierte, die Entwicklung neuer Leuchtsysteme voranzutreiben.

Heute kommen ausschließlich ungefährliche Methoden zum Einsatz, wenn es darum geht, Leuchtzeiger und Leuchtindizes zu kreieren.

Die wichtigsten Techniken sind die Tritium-Gaslichtquellen in H3-Uhren und Zeitanzeiger mit sogenannten Superluminova-Pigmenten.

H3-Uhren

Bei H3 Uhren werden spezielle Tritium-Gaslichtquellen in den Accessoires verbaut. Im ersten Moment mag es ein wenig verwundern, dass mit Tritium nach wie vor ein radioaktiver Stoff Anwendung findet. Aber: In der Form, in der das Isotop bei Zeitanzeigern daherkommt, ist es vollkommen ungefährlich für den jeweiligen Träger. Tritium gibt nur sehr schwache Beta-Strahlen ab. Diese sind nicht imstande, die stabilen Metall- beziehungsweise Stahlgehäuse und robusten Uhrengläser zu durchdringen.

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Superluminova

Die modernste Art der Uhrenbeleuchtung heißt Superluminova. Es handelt sich dabei um einen reinen Phosphoreszenzleuchtstoff ganz ohne radioaktive Zusatzstoffe. Die Technik basiert auf Erdalkalialuminaten. Im Gegensatz zu den Tritium-Lösungen sind Superluminova-Pigmente nicht selbstleuchtend. Das bedeutet, die Leuchtzeiger und -indizes brauchen die Zufuhr von Tages- oder Kunstlicht. So werden sie aufgeladen und bringen schließlich Licht ins Dunkel.

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Die Geschichte der Radium Girls – ein Mahnmal für Arbeitsrecht und -schutz

Für die Radium Girls kam jede arbeitsrechtliche Maßnahme und Entwicklung ungefährlicher Uhrenleuchtstoffe zu spät. Doch ihre furchtbare Geschichte und der gerichtliche Kampf einiger Betroffener führten zu erheblichen Verbesserungen der Sicherheitsstandards in der Industrie und auch in anderen Genres. Glücklicherweise ist die Technik heutzutage so weit fortgeschritten, dass sich weder Hersteller noch Träger von Armbanduhren mit Leuchtindizes Sorgen um ihre Gesundheit machen müssen – und dies ist nicht bloß ein leeres Versprechen, sondern ein erwiesener Fakt.