Russische Uhren

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Am 12. April 1961 schossen die Sowjets mit Juri Gagarin den ersten Menschen ins All und brachten ihn sicher und heil auf die Erde zurück – ein Meilenstein, den man in allen Geschichtsbüchern nachlesen kann. Was jedoch weniger bekannt ist: Der Kosmonaut war nicht ganz allein unterwegs. Er trug eine Armbanduhr, die Sturmanskie. Nachdem auch sie die atemberaubenden 108 Minuten einschließlich einer Erdumdrehung unbeschadet überstanden hatte, benannte sich die Erste Moskauer Uhrenfabrik, aus deren Produktion der „überirdisch“ eingesetzte Zeitmesser stammte, in Poljot, „Flug“, um. Poljot existiert heute nicht mehr. Dafür gibt es mit Vostok und der Tochterfirma Vostok Europe zwei Unternehmen, die russische Uhren mit all ihren Besonderheiten in die Welt hinaustragen – auf unterschiedliche Art und Weise.

Folgen Sie uns auf eine Zeitreise durch die außergewöhnliche Entwicklung der russischen Uhrenindustrie. Wir zeigen, was russische Uhren so typisch russisch macht, und porträtieren Vostok und Vostok Europe als Repräsentanten eines wahrlich einzigartigen Uhrengenres.

Russische Uhren – der lange Weg zur ersehnten Anerkennung

Tatsächlich wurde schon Mitte des 18. Jahrhunderts auf Geheiß der russischen Regierung ein erster Versuch zur Herstellung von Uhren in Russland unternommen. Das 1769 in Angriff genommene Projekt mit Produktionsstätten in Moskau und St. Petersburg scheiterte allerdings schon nach neun Jahren. Zur selben Zeit entwickelte sich die Schweizer Uhrenindustrie kontinuierlich weiter und stieg im 19. Jahrhundert mit zahlreichen Manufakturen in den für die Uhrmacherkunst berühmten Ortschaften La Chaux-de-Fonds, Le Locle und Saint-Imier zum Zentrum der globalen Uhrenindustrie auf. Und was tat sich derweil in Russland? Erst 1879 folgte der zweite Anlauf, eine nationale Uhrenherstellung zu etablieren – auch dieser ohne Erfolg. Zu hoch waren, die technischen aber auch politischen Hürden für die russischen Uhrmacher.

@wikipedia – File Upload Bot (Magnus Manske)
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Erst nach dem Ersten Weltkrieg und dem Russischen Bürgerkrieg war es schließlich so weit: Am 20. Dezember des Jahres 1927 beschloss man in Russland, die Erste Staatliche Uhrenfabrik zu gründen. Es mangelte jedoch an einschlägigem Wissen, sodass eine russische Kommission nach Westeuropa entsandt wurde, um die dortige – inzwischen weit entwickelte – Situation zu studieren und Produktionsanlagen zu erwerben. Doch aus Furcht vor neuer Konkurrenz und dem Verlust eines bedeutenden Marktes stellten sich die Europäer quer. So reisten die russischen Delegierten weiter nach Westen – und kauften in den USA, mit der Dueber-Hampden Watch Company und der Ansonia Clock Company zwei Uhrenfabriken, die in den Vereinigten Staaten demontiert und unter amerikanischer Anleitung in Moskau neu aufgebaut wurden.

In einer Zeit, in der auch die Uhrenfirmen der Schweiz und anderer Nationen mit den Folgen der wirtschaftlichen Dauerkrise der 1920er-Jahre zu kämpfen hatten, förderten die Russen ihre nationale Uhrenindustrie immer weiter zutage. Am 5. November 1930 wurde die Zweite Staatliche Uhrenfabrik, die sich ab 1958 Slawa nannte, ins Leben gerufen. Wanduhren, Wecker und elektrische Zeitmesser sowie ab 1935 auch Taschenuhren bildeten das Sortiment des Unternehmens. Die Erste Staatliche Uhrenfabrik dehnte indes ihre eigene Taschenuhrproduktion aus. Daneben entstanden auch Borduhren für Flugzeuge und Automobile.

Die bis heute bekannteste und bedeutendste Uhr der Sowjetunion kam Mitte der 1940er-Jahre auf den Markt: die Pobeda, russisch für „Sieg“, war das Erzeugnis der Ersten Staatlichen Uhrenfabrik, die ab 1945 Erste Moskauer Uhrenfabrik hieß. Das in die Pobeda eingebaute Kaliber K-26 befand sich übrigens auch in der Sturmanskie, die Gagarin bei seinem Weltallflug trug. Seit den 1940ern erlebten russische Uhren ein kontinuierliches Wachstum durch neue Forschungs- und Produktionsstätten beziehungsweise Marken. Und eine dieser Marken, die entscheidend zum Aufschwung der russischen Uhrenindustrie beitrug und beiträgt, war und ist Vostok.

Vostok – offizieller Lieferant der russischen Armee

Auf Befehl von Josef Stalin wurde Vostok (damals noch Wostok) im Jahr 1942 gegründet. Bis in die 1960er Jahre hinein versorgte das Unternehmen, das im 800 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Tschistopol beheimatet ist, Militär und Wirtschaft mit hochwertigen Zeitanzeigern. Als offizieller Lieferant der sowjetischen beziehungsweise russischen Armee gelangte die Firma rasch zum erhofften Ruhm. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden neben Borduhren für Panzer, U-Boote und Flugzeuge auch Armbanduhren hergestellt. Diese waren jedoch lange Zeit allein den Militärangehörigen vorbehalten.

@wikipedia – Beemwej
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Nicht zuletzt dank der phänomenalen Entwicklung der Marke konnte die russische Uhrenindustrie im Verlauf der 1960er-Jahre Platz 2 hinter der Schweiz erobern. Die sowjetischen Ingenieure holten sich die nötige Inspiration zugegebenermaßen bei westlichen Erzeugnissen und bauten die Kaliber einfach um. So nahmen sie beispielsweise die Zenith-Werke als Basis, fügten ihnen drei Lagersteine hinzu und vergrößerten die Unruh, was die Robustheit und vor allem die Ganggenauigkeit der Uhren steigerte. In der Quarzkrise hielten es die Sowjets im Übrigen ähnlich wie die Schweizer: Sie produzierten stur ihre mechanischen Werke weiter, was sich letztlich zumindest in Russland als gute Entscheidung erwies. Das russische Militär wusste es nämlich zu schätzen, dass Vostok bei der Fertigung von Automatikuhren blieb, die im Vergleich zu Quarzzeitmessern frei von Elektronik und dadurch weniger störanfällig waren.

Komandirskie
@wikipedia – PetarM

Die bekanntesten Modelle sind die erstmals 1962 hergestellte Komandirskie, zu Deutsch „Kommandant“, und die Amfibia, deren Fertigung im Jahr 1968 begann. Beide Ausführungen dienten in erster Linie als Armbanduhren für Herren und wurden hauptsächlich an das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation geliefert.

Die Gegenwart einer Legende

Heute basieren die Uhrwerke der Marke Vostok auf Schweizer Valjoux-Kalibern, werden jedoch immer noch so robust wie möglich gebaut. Durch ihre größere Schwungmasse bringen es die automatischen Kaliber auf ein Gewicht von über 50 Gramm. Herausragend sind die antimagnetischen Modelle, bei denen eine Schale aus Weicheisen die Unruh abschirmt. Ein charakteristisches Merkmal ist zudem die flache oder abgerundete sowie verschraubte Krone der kantig geformten und wasserdichten Uhrengehäuse. Auch der Uhrenboden präsentiert sich verschraubt – und zwar auf einer Gummidichtung. Diese Bauweise soll bei den Amfibia-Modellen eine Wasserdichtigkeit bis zu 200 Metern gewährleisten.

@wikipedia – Beemwej
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Neben der extrem robusten Gestaltung und hohen Funktionalität zeichnen sich Vostok-Uhren durch ihr einzigartiges Design aus, das eng mit ihrer Geschichte verbunden ist: Die überwiegende Mehrheit älterer und auch neuerer Zifferblätter offenbart militärische Motive. Spezielle Auflagen werden allerdings auch von Werbemustern oder zivilen Motiven geziert.

Vostok_Watch
Bildquelle: Flickr, „robertnelson“

Das Unternehmen verfügt heute über eine gigantische Personalkapazität, die es ermöglicht, jährlich rund eine Million mechanische Uhren und Uhrwerke herzustellen. Auch die Maschinenparks wurden mit der Zeit so weit modernisiert, dass inzwischen sämtliche Uhrenelemente vor Ort produziert werden.

Russische Uhren können mit den Schweizer Vorbildern hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Uhrwerke durchaus mithalten. Zwar fällt die Ganggeneuigkeit etwas geringer aus (Abweichung von 15 Sekunden pro Tag versus sechs Sekunden). Dasselbe gilt jedoch auch für den Preis, der in der Regel maximal ein Drittel dessen ausmacht, was man für ein technisch vergleichbares Schweizer Modell bezahlen muss.

Vostok Europe

Zum Zweck der Erschließung des westeuropäischen und amerikanischen Markts wurde die litauische Tochterfirma Vostok Europe im Sommer 2003 gegründet. Die ersten Zeitmesser präsentierte das neue Label im Rahmen der Baselworld (Weltmesse für Uhren und Schmuck) im April 2004.

Vostok Europe Expedition North Pole 1 Titan Chronograph 6S21-5957242-TZweifelsohne ähneln die Vostok-Europe-Uhren ihren „großen Schwestern“ in puncto Robustheit und Funktionalität. Um den Wünschen der westeuropäischen und amerikanischen Kunden zu entsprechen, vereinen sich diese klassischen Eigenschaften mit einer modernen, überaus stylischen Optik. Elegante Armbanduhren mit roségoldenem Edelstahlgehäuse und in derselben edlen und ebenso angesagten Couleur gehaltenen Indizes, zu denen etwa der GAZ14 Limousine Chronograph zählt, wechseln sich mit sportiv anmutenden Modellen wie dem Expedition North Pole 1 Titan Chronograph ab, der durch sein schwarz-orangefarbenes Textilband und die daran angepasste Gestaltung des Zifferblatts auffällt und überzeugt. Auch Vostok Europe Uhren spielen mit dem Hintergrund des russischen Militärs. So erzählen viele Kollektionen Geschichten, die mit dem russischen Militär in Zusammenhang stehen. Während sich Mriya Uhren als Hommage an die russische Antonov AN-225 verstehen, spielt die Kollektion Ekranoplan auf ein sagenumwobenes Bodeneffektflugzeug an.

Russische Uhren – Zeitzeugen mit ganz besonderem Wert

Während alte Vostok-Uhren vor allem leidenschaftliche Sammler begeistern, avancieren die Zeitmesser der Marke Vostok Europe zunehmend zu begehrten Trend-Accessoires verschiedener Zielgruppen. Sie vereinen Leistungsfähigkeit und ästhetischen Anspruch zu einem fairen Preis und bieten mit traditioneller Charakteristik auch für Europäer einen spannenden Hintergrund. Zudem existieren einige der abwechslungsreichen Armbanduhren nur in limitierter Anzahl, was den Must-have-Effekt der Modelle in die Höhe treibt. Vostok Europe ist trotz der verhältnismäßig jungen Unternehmensgeschichte längst mehr als bloß ein Geheimtipp.